• Buchebner Julia

Wenn dich der Weltschmerz packt: ein persönlicher Erfahrungsbericht


„Die Welt braucht Menschen, die die Erde tief in ihrem Innersten weinen hören“

Dieses berühmte Zitat von Zenmeister Thich Nhat Hanh hat mich, als es 2010 genau im richtigen Moment zu mir kam, wirklich berührt. Damals zu der Zeit erlebte ich etwas sehr Seltsames: ich musste häufig weinen, über mehrere Monate hinweg. Aus heiterem Himmel. Unkontrollierbar. Mir kullerten die Tränen runter, wenn ich in den Himmel sah, wenn ich Tiere beobachtete oder nur mit dem Bus durch Wien fuhr. Es gab keine wirklichen Auslöser: Niemand hatte mich beleidigt, nichts Aufregendes ist passiert. Vielmehr hatte ich das Empfinden, durchlässiger zu sein als sonst und an einen kollektiven Schmerz anzudocken: den Weltschmerz.


Aber was ist Weltschmerz eigentlich?

Weltschmerz ist eine Mischung aus unglaublich tiefer Trauer, ganz tiefer Liebe und Verbundenheit, kombiniert mit Demut und dem Empfinden, „etwas Heiliges“ zu fühlen. Anders kann ich es nicht beschreiben.


Anfangs noch befremdlich, gewöhnte ich mich schnell daran. Denn ich wusste irgendwie gleich, dass es wichtig und gut war. Ich unternahm keine Anstrengungen, es zu unterbinden. Wann immer sich mir die Gelegenheit bot, dem Gefühl ganz Raum zu geben, es auszudrücken, zu schluchzen und zu plärren, dann tat ich es. Denn eines weiß ich: was immer in Liebe angenommen wird, entspannt sich. Was immer sich mir zeigen möchte, tut es nicht ohne Grund. Was immer ich bejahe, kann frei fließen. Das gilt für alle Gefühle.

Ich spürte, dass etwas gesehen werden wollte, was üblicherweise nicht gesehen, nicht gefühlt und schon gar nicht bejaht wird. Und ich empfand es als große Ehre, dass ich es ausdrücken durfte und Anteil haben durfte an einem Schmerz, der weit größer war als ich. Dass er sich durch mich ein Stück weit entspannen konnte. Ich hatte das Gefühl, ein Werkzeug der Erde zu sein – und war dankbar und demütig.


Neue Weggefährten

Zu der Zeit kamen auch viele neue Menschen in mein Leben, denen es ähnlich ging. Die ähnliche Gefühle wie etwa „heilige Wut“ kannten und die tiefe Sorge empfanden für das, was auf der Erde geschieht. Menschen, die einfach emotional Anteil nahmen und sich nicht von der kollektiven Wurschtigkeit mitreißen ließen. Es tat gut zu hören, dass ich damit nicht alleine war. Und auch heute noch ist es heilsam, mich mit Menschen auszutauschen, und einander zu erzählen, wie es einem wirklich geht, wenn man von brennenden Wäldern, aussterbenden Arten, Hungersnöten, Tierschutzskandalen oder ähnlichem hört. Ich lernte damals auch die tiefenökologische Arbeit kennen, bei der man sich ganz bewusst mit diesen kollektiven Schmerzfeldern auseinandersetzt. So paradox es klingt, aber das hat wirklich etwas sehr Schönes an sich.

Denn es ist ein Geschenk zu spüren, was die Erde spürt. Und es ist ein Geschenk, stellvertretend für alle Menschen zu weinen, die es einfach nicht (mehr) können.

Warum?

Weil es dich verbindet mit deinem Wesenskern und dem, was du wirklich machen willst. Die Trauer, die Wut, die Sorgen – das alles wird irgendwann produktiv und schiebt dich in die Richtung deiner wahren Mission. Trauer bleibt nicht für immer traurig! Sie spornt dich an, aktiv zu werden. Sie sagt: "Komm! Hier gibt’s was zu tun!" Sie sensibilisiert dich. Sie reinigt dich. Sie macht dich zu einem Diener des Großen Ganzen. Sie nimmt dir deinen Egoismus und schenkt dir ein riesen großes Herz. Sie weitet, dehnt und öffnet dich. Für etwas, das Größer ist als du.


Also, wann immer der Weltschmerz dich packt, let it flow!

Halte es nicht zurück. Werde zum Kanal, zum Gefäß, in dem er sich zeigen darf. Lass dein Herz sich seiner annehmen. Sei dankbar, ihn empfangen zu dürfen. Und sei gewiss: deine Tränen sind heilig.

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© 2019 von Julia Buchebner; Bilder von Pixabay.com