• Buchebner Julia

Warum wir die Welt nicht für kommende Generationen erhalten sollten.

Ein Plädoyer für eine biozentrische Ethik.

Ja spinnt die Julia jetzt komplett? Ja, ich gebe zu, der Titel ist provokant - aber lasst mich erörtern, was mich bewegt, diese verrückte Aussage in den Raum zu stellen.


Seit über 10 Jahren beschäftige ich mich beruflich mit dem Thema Nachhaltigkeit. Ein bestimmtes Narrativ, welches man „in der Szene“ immer gerne benutzt, um andere zum Umdenken zu bewegen und für Umweltschutz zu motivieren, lautet:

Denk an deine Kinder und Enkelkinder! Tu es nicht für dich, tu es für sie! Die nachkommenden Generationen werden es dir danken!

Wir argumentieren mit dem Wohlergehen künftiger Generationen und appellieren an unserer Verantwortung diesen gegenüber - natürlich zu einem gewissen Teil zurecht. Der Begriff Nachhaltigkeit ist ja per se definiert als eine Entwicklung, die es nicht nur den heutigen, sondern „auch den künftigen Generationen erlaubt, ihre eigenen Bedürfnisse befriedigen zu können“ (UN Brundlandt Report, 1987).


Dass dieses Argument jedoch zu einem gewissen Teil unzulänglich ist, will ich heute erklären:


Seit jeher existiert auf der Welt ein lebendiges Gleichgewicht, in dem alles Leben eingebunden ist und jedes Geschöpf eine einzigartige Funktion erfüllt. Die letzten Milliarden Jahre hat das wunderbar funktioniert. Homo sapiens jedoch hat es geschafft, sich über dieses Gleichgewicht zu erheben. Er glaubt seither, er sei das Maß aller Dinge. Er ist blind geworden gegenüber dem lebendigen Organismus, in dem er selbst eingebettet ist. Blind gegenüber den Bedürfnissen von allem, was „Nicht-Mensch“ ist: Tiere, Pflanzen, Flüsse, Meere, die Erde als Ganzes.


In diesem anthropozentrischen Denkmodell gefangen folgt er der Überzeugung, dass die Natur nur zur menschlichen Bedürfnisbefriedigung da wäre. Sie ist ein auszunützendes Mittel zum Zweck und scheint nur dann schützenswert, wenn es für den Menschen einen klar erkennbaren Nutzen hat, zum Beispiel unser Überleben sichert, Profite bringt oder für menschliches Glück und Wohlergehen sorgt.


Das Argument „Schütze die Umwelt für deine Kinder und Enkelkinder!“ schlägt genau in dieselbe Kerbe. Es impliziert, dass die Umwelt für das Wohl des Menschen erhalten werden soll, und nicht um ihrer selbst willen. Es ignoriert vollkommen, dass die Erde und alle Lebewesen einen intrinsischen Wert für sich haben, und ein Recht auf Leben, ganz egal und vollkommen unabhängig davon, ob der Mensch etwas davon hat oder nicht! Die Motivation, die Welt für kommende Generationen zu erhalten, glaubt sich selbst als gutgemeinter Altruismus und verantwortungsvolle Moral. Dahinter jedoch verbirgt sich eine anthropozentrische, kurzsichtige und ja, ich wage zu sagen eine egoistische Haltung, die uns die ganzen Probleme erst eingebrockt hat.


Wie sagte Albert Einstein einst so schön?

„Probleme kann man niemals mit derselben Denkweise lösen, durch die sie entstanden sind“

Genau deshalb braucht es eine neue Art, auf diese Welt zu blicken. Die Erde ist ein lebendiges, fühlendes Wesen und alles was auf ihr lebt, ist von der Existenz gewollt, hat Empfindungen und damit Würde. Egal wie klein, egal wie groß. Nicht nur der Mensch ist beseelt, auch alles andere um uns herum ist das. Wir haben nur verlernt, das zu sehen und wahrzunehmen.


Blickt doch einmal auf diese Welt wie Eltern auf ihre Kinder: Denkt ihr, dass Eltern all ihre Kinder nicht gleich viel lieben und sie gleich wertvoll erachten? Auch wenn der eine vielleicht nicht schwimmen kann und der andere nicht rechtschreiben, sie haben alle dasselbe Recht auf Leben. Sie alle sind auf ihre Art einzigartig und erfüllen eine ganz bestimmte Aufgabe. Und so ist es auch hier auf der Erde!


Wir müssen endlich einsehen, dass es um das Wohlergehen ALLER Erdenbewohner geht, und das nur eine Entwicklung, die langfristig das Ganze im Blick hat, eine wirklich nachhaltige ist.


Wenn wir unseren Kindern schon etwas hinterlassen wollen, dann bitte eine Weltsicht der Verbundenheit, eine Ethik des Herzens. Spezies-Gerechtigkeit statt Generationen-Gerechtigkeit ist das Gebot der Stunde!


Darum lasst mich nochmal in aller Deutlichkeit sagen: JA! Es ist die Aufgabe und die Verantwortung des Menschen, diesen Planeten zu schützen, sich um diese Welt als unser aller Erbe zu kümmern, die Entweihung der Schöpfung und die Zerstörung der grünen Tempel zu stoppen.

Aber: NEIN! Nicht aus einem Eigeninteresse heraus und auch nicht aus Interesse für die Kinder und Enkelkinder.


Die Erde sollte einzig für sich selbst erhalten werden. Weil wir aus ihr kommen, wir ihr unser Leben verdanken, sind wir zu Respekt verpflichtet. Der einzige Beweggrund, Umwelt- und Naturschutz zu betreiben, sollte die Liebe zur Welt sein, und die Dankbarkeit hierin eingebettet sein zu dürfen und die Erkenntnis, dass die Erde an sich und für sich wertvoll & schützenswert ist.

Und dass alles, was auf ihr lebt, genau wie wir, Teil eines großen Organismus ist, der nur durch die Summe seiner Teile das sein kann, was er ist: ein unglaubliches Wunder.
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© 2019 von Julia Buchebner; Bilder von Pixabay.com