• Buchebner Julia

Mitgefühl als Schlüssel für eine nachhaltige Zukunft?

Erkenntnisse aus der Forschung

„Ach, wenn wir doch nur alle mitfühlend und liebevoll wären, dann würde es in der Welt viel besser aussehen!“ Hast du das auch schon mal gehört? Ich schon oft. Und um ehrlich zu sein, bin ich ja auch selbst irgendwo eine Vertreterin dieser Aussage. Nichts desto trotz möchte ich manchmal einfach nur handfeste „Beweise“ sehen: was Konkretes, Solides, Angreifbares. Und wo könnte man das besser finden als in der Wissenschaft? Genau aus diesem Grund habe ich einige wissenschaftliche Literatur durchforstet und die Frage untersucht, ob denn nun Empathie und Mitgefühl tatsächlich einen Beitrag zur Bewältigung globaler Krisen leisten können? Oder ob wir das gar vollkommen überschätzen?


Lasst uns zu Beginn einmal die Begrifflichkeiten trennen, denn Empathie und Mitgefühl sind nicht das gleiche. Empathie meint die Fähigkeit, Empfindungen, Emotionen, Gedanken, Motive und Persönlichkeitsmerkmale einer anderen Person zu erkennen, zu verstehen und nachzuempfinden. Man leidet also buchstäblich mit, wenn der andere leidet. Mitgefühl wiederum ist etwas Aktives, ein Gefühl, das uns zum Handeln oder zum Helfen veranlasst. Man spendet Trost, sucht gemeinsam nach Lösungen, aber man verliert sich nicht im Anderen.


Empathie kann zum Burnout führen, Mitgefühl zu Resilienz.

Die bekannte Neurowissenschafterin Prof. Tania Singer hat in zahlreichen MRT-Analysen herausgefunden, dass die aktivierten Gehirnareale von Mitgefühl und Empathie unterschiedlich sind. Bei empathischen Reaktionen werden Bereiche aktiviert, die mit negativen Erfahrungen verbunden sind (wie etwa Schmerz, Hilflosigkeit, Ängstigung, Entmutigung). Bei häufiger Wiederholung kann es daher auch zu Erschöpfung und Abstumpfung kommen. Wenn man aber meditiert und in einen Zustand der altruistischen Liebe und Mitgefühl kommt, werden jene Areale aktiviert, die mit positiven Gefühlen, insbesondere Mutterliebe, Hilfsbereitschaft und Mut verbunden sind.

Diese Kraft kann im Gegensatz zur Empathie nicht ermüden oder abstumpfen, sondern sogar dabei helfen, innere Balance, couragiertes Handeln und persönliche Resilienz zu entwickeln.

Was sagt die Nachhaltigkeitsliteratur zum Thema Mitgefühl?

Im Zuge meiner Masterarbeit (2011) habe ich knapp 70 Bücher und Artikel zum Thema Nachhaltigkeit analysiert und untersucht, wie oft darin bestimmte förderliche oder hinderliche Werte genannt werden. In aller Kürze: Mitgefühl und damit verbundene Werte wie etwa Zwischenmenschlichkeit, Solidarität, Gemeinschaft, Wertschätzung, etc. sind eine zentrale Voraussetzung für eine nachhaltige Entwicklung!


Aber warum eigentlich? Was macht es so unverzichtbar?

  • Mitgefühl ist das Gegenteil von Apathie, und Apathie meint die Unfähigkeit oder die Weigerung, sich emotional an die Probleme der Gegenwart zu wagen. In dieser emotionalen Gleichgültigkeit liegt eine der größten Gefahren für die Zukunft. Wenn uns zunehmend egal ist, was auf der Welt passiert, dann haben wir auch keinen Antrieb, etwas zu verändern.

  • Mitgefühl aber macht den Menschen „spürig“ für die Gefährdung der Welt und die Verletzbarkeit des Planeten, was uns zum Handeln motivieren kann. Nur wer mitfühlend ist, kann sich in die Lage von Menschen hineinversetzen, denen es weniger gut geht oder was die Zerstörung von Ökosystemen eigentlich für uns alle bedeutet.

  • Mitgefühl führt zu Hilfsbereitschaft, Solidarität und aktivem Handeln. Mitgefühl lässt uns erkennen, dass jeder von uns Verantwortung trägt und es schenkt uns die Kraft und das Engagement, etwas im Sinne anderer Menschen oder im Sinne der Nachhaltigkeit zu tun.

  • Mitgefühl motiviert uns dazu, fürsorgliche und nährende Gemeinschaften aufzubauen. Und Menschen, die ihr Glück aus zwischenmenschlichen Beziehungen schöpfen, sind nachweislich zufriedener und leben nachhaltiger als Menschen, dir ihr Glück in materiellen Dingen suchen.

Und kann man Mitgefühl lernen?

Ja, und zwar indem man zuallererst Mitgefühl für sich selbst entwickelt 😉 Das heißt:

Das Herz für seinen eigenen Schmerz öffnen, sich selbst in den Arm nehmen, sich selbst etwas Gutes tun, für sich selbst einstehen, sich selbst lieben. Immer und immer wieder.

Irgendwann wird diese Haltung so selbstverständlich, dass sie ganz automatisch auch zu anderen Menschen und zur Erde selbst strömt.


Wer Mitgefühl noch weiter kultivieren will, dem werden i.d.R. Achtsamkeitstechniken (Mindfulness, MBSR) empfohlen. Der Umfang der wissenschaftlichen Literatur dazu ist seit der Jahrtausendwende regelrecht explodiert. Studien zeigen, dass Mindfulness-Praktiken u.a. zu prosozialem Verhalten wie etwa mehr Mitgefühl, Altruismus, besseres Zuhören, bessere Kooperationsfähigkeit etc. führen.

TIPP! Eine Mitgefühlsmeditation.

Eine spezielle Mindfulness-Technik ist die Metta-Meditation, oder auch "Meditation der liebenden Güte" genannt. Sie ist eine der ältesten buddhistischen Meditationen und wird für die Kultvierung einer liebevollen, freundlichen, gütigen und mitfühlenden Haltung praktiziert. Im Bereich „Meditationen“ auf meinem Blog habe ich die Metta-Meditation für euch aufgenommen, so dass ihr es gleich mal ausprobieren könnt :-)


Viel Freude und Liebe, eure JuLIA


Quellen und weiterführende Informationen:

Buchebner, J. (2011): CHANGING VALUES - Werte und Wertewandel im Bereich nachhaltiger Entwicklung. Online HIER.

Crompton, T.; Brewer, J.; Chilton, und Kasser, T. (2010): Common Cause – The case for Working with our Cultural Values. WWF-UK. Online HIER.

Levey, J. und Levey, M. (2019): Mindful leadership for personal and organisational resilience. Clinical Radiology, 74: 739-745.

Loy, L.S., Reese, G. (2019): Hype and hope? Mind-body practice predicts pro-environmental engagement through global identity. Journal of Environmental Psychology, 66: 1-10.

Macy, J. und Brown, M.Y. (2007): Die Reise ins lebendige Leben – Strategien zum Aufbau einer zukunftsfähigen Welt – ein Handbuch. Paderborn: Junfermann Verlag.

Ricard, M. (2016): Von der Empathie zum Mitgefühl in einem neurowissenschaftlichen Labor. Online-Artikel HIER.

Singer, T. und Bolz, M. (2013): Mitgefühl in Alltag und Forschung (Herausgeber: Max Planck Institut) e-Book ist kostenfrei online downloadbar unter http://www.compassion-training.org/

76 Ansichten
Verpasse keine Artikel, Meditationen oder News und trage dich hier in den Newsletter ein! Zusendung ca. 1-2 Mal pro Monat.
  • Facebook Social Icon
  • YouTube

© 2019 von Julia Buchebner; Bilder von Pixabay.com