• Buchebner Julia

Macht uns Mindfulness umweltfreundlicher? Ein Blick in die Wissenschaft.



Mindfulness (deutsch: Achtsamkeit) ist längst kein spirituelles Relikt aus Buddhas Zeiten mehr. Kontemplative Techniken wie Meditation oder Achtsamkeit erfreuen sich heutzutage großer Beliebtheit. Gleichzeitig ist Mindfulness inzwischen zu einem modernen und intensiv beforschten Wissenschaftsgebiet avanciert. Ab der Jahrtausendwende wuchs die Anzahl der wissenschaftlichen Publikationen zum Thema regelrecht exponentiell. So werden Achtsamkeitstechniken heute in vielen Bereichen und Disziplinen eingesetzt und beforscht: von der Gesundheitsprävention, über die Pädagogik bis hinein in die Unternehmens- und Wirtschaftswelt ist vieles dabei.


Jüngst steigt nun auch das Interesse der NachhaltigkeitsforscherInnen an diesem „neuen“ (ähm, eigentlich jahrtausendealten) Konzept. Denn langsam sickert wohl durch, dass eine nachhaltige Zukunft nicht allein über technologische Innovationen, politische Maßnahmen oder rein äußerliche Korrekturen gelingen kann. Vielmehr brauchen wir einen großen gesellschaftlicher Shift von materiellen hin zu post-materiellen Werten, sowie von anthropozentrischen hin zu biozentrischen Weltbildern. Die bisherigen Problemlösungsansätze können das jedoch nicht bewerkstelligen.


Ob und was Mindfulness in diesem Zusammenhang wohl beitragen kann? Sehen wir es uns an!


Zuvor aber noch eine kleine Definition zu Mindfulness/Achtsamkeit, damit wir alle vom selben reden:

Jon Kabat-Zinn prägte den Begriff als ein Gewahrsein, ein Beobachten des gegenwärtigen Moments, ohne zu bewerten oder etwas weghaben zu wollen. Empfindungen des Körpers, eigene Gedanken und Gefühle werden einfach wahrgenommen, ohne sich damit zu identifizieren und ohne darauf mit automatischen Verhaltensmustern zu reagieren. Mit Hilfe bestimmter Achtsamkeitstechniken (z.B. MBSR, Vipassana, Metta-Meditation, etc.) werden unsere Aufmerksamkeit, unsere Präsenz geschult.


Und nun zur spannenden Frage:

Macht uns Mindfulness zu umweltfreundlicheren Menschen? Werden wir nachhaltiger, wenn wir mehr meditieren? Haben achtsame Menschen mehr Gespür für andere Menschen und diesen Planeten?


Heute möchte ich euch den aktuellen Stand der Forschung dazu präsentieren. Die Quellenverweise zur Literatur (Nummer in Klammer) findet ihr am Ende des Artikels.


Mindfulness beeinflusst das eigene Wohlbefinden

Achtsamkeit kann Stress, Depressionen und Ängste reduzieren, und kognitive Leistungen wie etwa unser Gedächtnis oder die Konzentrations- und Entscheidungsfähigkeit verbessern. Auch die emotionale Stabilität und psychologische Resilienz nehmen zu. Wir werden klarer im Kopf, sind kreativer und insgesamt einfach positiver drauf (1, 2). Für die Nachhaltigkeit hat das immense Auswirkungen. Denn wenn wir uns selbst nicht gesund oder glücklich fühlen, haben wir wohl kaum die nötige Energie, uns für Umweltschutz oder soziale Themen einzusetzen. Das eigene Wohlergehen ist eine wichtige Voraussetzung, um uns überhaupt anderen Themen zuwenden zu können (7). So zeigte auch eine Studie, dass sich glücklichere Menschen eher umweltfreundlich verhielten als unglückliche Menschen (3).


Mindfulness stärkt intrinsische Werthaltungen

Wir wissen heute, dass Menschen mit selbstbezogenen, materialistischen oder extrinsischen Werthaltungen (z.B. finanzieller Erfolg, Macht, Status, Image) eine negativere Einstellung gegenüber der Umwelt haben, und auch weniger umweltfreundlich handeln als Menschen mit intrinsischen und nicht-materiellen Werthaltungen (z.B. persönliches Wachstum, gelingende Beziehungen, Wohlergehen anderer) (3, 4). Mindfulness stärkt solche intrinsischen Werte, weil wir mehr Klarheit über unsere eigenen Werte erlangen und beginnen, in Übereinstimmung mit diesen zu handeln (3, 5, 8). Wenn wir wissen, was für uns selber zählt, dann sind wir auch weniger empfänglich für die Beeinflussung durch andere oder durch die Werbung. Auch der Drang nach materiellen Besitztümern nimmt durch Mindfulness ab (3, 4).


Mindfulness bricht mit alten Gewohnheiten

Vieles von unserem Verhalten als Konsumenten läuft automatisiert ab und ist weit mehr von unbewussten Routinen beeinflusst als von achtsamen Überlegungen. Wir tun einfach, weil wir immer schon so getan haben. Mindfulness kann helfen, solche Gewohnheiten zu stoppen und zwanghafte Konsummuster zu brechen (6, 7). Dadurch, dass wir uns unsere eigenen Gedanken und Gefühle bewusster wahrnehmen, bekommen wir mehr Flexibilität und Wahlfreiheit über unser Verhalten und sind weniger in Automatismen gefangen (5, 7). Zudem nimmt unsere Selbstkontrolle zu, was natürlich in Situationen, wo wir zwischen nachhaltigen und nicht-nachhaltigen Alternativen wählen müssen, vorteilhaft ist (7). Wir können dann unseren eigenen Lebensstil viel bewusster wählen!


Mindfulness führt zu pro-sozialem Verhalten

Die ForscherInnen sind sich einig: Achtsamkeit erhöht die Empathie und das Mitgefühl für andere Menschen, es stärkt den Altruismus und die soziale Kohäsion, wir hören besser zu, kommunizieren besser und sind insgesamt auch kooperationsfähiger (1, 2, 6, 7). Zudem fördert Achtsamkeit das Gefühl der Verbundenheit mit anderen Menschen und mit der Welt um uns herum (1, 7). Dieses gesteigerte soziale Verhalten hat weitreichende Konsequenzen für die Nachhaltigkeit. Denn wenn Empathie und Altruismus die Grundlage unseres Handelns sind, sorgen wir uns mehr um das Wohlergehen anderer und sind viel eher bemüht, negative Beeinträchtigungen für andere Menschen oder Gruppen (z.B. künftige Generationen) zu vermeiden (4, 7).


Mindfulness stärkt die Verbundenheitsgefühle mit der Welt

Mindfulness macht uns nicht nur sozialer, sondern auch weltverbundener! Die Wissenschaft bezeichnet das als „Global Identity“ - ein Gefühl von Verbundenheit mit Menschen auf der ganzen Welt und eine Sorge um ihr Wohlergehen (1). Durch Meditation kultvieren wir einen transpersonalen Zustand, in dem sich die persönliche Ich-Identität ausdehnt auf die gesamte Menschheit und das Leben selbst (7). So sind auch die Verbundenheitsgefühle mit der Natur bei achtsamen Menschen tendenziell höher (8). In einer Studie hat man herausgefunden, dass Menschen mit einer hohen „global identity“ eher umweltfreundlich handeln, dem Klimawandel tendenziell eine höhere Relevanz zuschreiben und klimapolitische Maßnahmen eher unterstützen als Menschen mit geringer „global identity“ (1).


Fazit

"Ecological Mindfulness" ist ein noch sehr junges Forschungsfeld und viele Zusammenhänge sind bisweilen noch unerforscht. Dennoch zeichnet sich bereits jetzt deutlich ab, welch großes Potenzial für den Umwelt- und Klimaschutz im Bereich der Achtsamkeit liegt.

Ich persönlich freue mich über diese Entwicklung - bestätigt sie mich doch in dem inneren Wissen, das ich schon seit vielen Jahren in mir trage: Wenn wir wieder mehr zu uns selber finden, mit uns selbst gut verbunden sind, dann leben wir auch bewusster, achtsamer und mehr in Einklang mit anderen Menschen und der natürlichen Umwelt! Aus meiner Sicht ist es höchste Zeit, die inneren Welten, den menschlichen Geist und das menschliche Herz mit einzubeziehen in all die Debatten und Anstrengungen rund um eine nachhaltige Zukunft! Denn anders, so meine Meinung, wird es schlichtweg nicht gelingen.

Über die Autorin: DI Julia Buchebner ist seit über 10 Jahren im Bereich globaler Wandel, Nachhaltigkeit und CSR tätig. Sie ist außerdem leidenschaftliche Meditierende und Meditationslehrerin. In Ihrem Blog "LIA - Love in Action" verbindet sie die beiden Themen Spiritualität und Nachhaltigkeit: https://www.lia-blog.at/ueber-lia

Quellenangaben:

  1. Loy, L.S., Reese, G. (2019): Hype and hope? Mind-body practice predicts pro-environmental engagement through global identity. Journal of Environmental Psychology, 66: 1-10.

  2. Ehrlich, J. (2017): Mindful leadership: Focusing leaders and organizations. Organizational Dynamics, 46: 233-243.

  3. Brown, K.W., Kasser, T. (2005): Are psychological and ecological well-being compatible? The role of values, mindfulness, and lifestyle. Social Indicators Research, 74: 349–368.

  4. Crompton, T., Kasser, T. (2009): Meeting Environmental Challenges: The Role of Human Identity. WWF-UK Panda House, Godalming.

  5. Shapiro, S.L., Carlson, L.E., Astin, J.A., Freedman, B. (2006): Mechanisms of mindfulness. Journal of Clinical Psychology, 62 (3): 373–386.

  6. Fischer D., Stanszus L., Geiger S., Grossman P., Schrade U. (2017): Mindfulness and sustainable consumption: A systematic literature review of research approaches and findings. Journal of Cleaner Production, 162: 544-558.

  7. Ericson T., Kjønstad BG., Barstad A. (2014): Mindfulness and sustainability. Ecological Economics, 104: 73–79

  8. Wamsler C., Brossmann J., Hendersson H., Kristjansdottir R., McDonald C., Scarampi P. (2017): Mindfulness in sustainability science, practice, and teaching. Sustainability Science, 13: 143–162

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© 2019 von Julia Buchebner; Bilder von Pixabay.com