• Buchebner Julia

Corona: Regression oder Transformation? So gelingt der gesellschaftliche Wandel


Große Veränderungen sind über uns hereingebrochen. Geht es nur mir so, oder fühlt ihr euch auch wie auf der Talfahrt mit der Achterbahn? Stellen wir uns diese Bahn doch einmal wie ein U vor. Am tiefsten Punkt angelangt, gibt es prinzipiell zwei Möglichkeiten: Entweder wir sausen durch und steigen am anderen Ende triumphierend wie der Phönix aus der Asche. Oder wir bleiben unten stecken. Das eine nennt man Transformation, das andere Regression. Man könnte es auch posttraumatischen Wachstumsschub vs. Belastungsstörung nennen. Die Hopi Indianer sprechen von einem Portal vs. einem Loch.


Wie immer man es dreht und wendet, wir sind an einer Weggabelung angekommen. Von hier aus entscheidet sich der Lauf der Dinge. Von hier aus bestimmen wir, in welche Richtung die Zukunft geht.


Ich denke ich spreche für viele, wenn ich sage: Wir wünschen uns eine gesunde, lebenswerte, resiliente und solidarische Zukunft! Wir wünschen uns Transformation statt Regression! Change by design statt Change by desaster! Wir wollen gestärkt und gereift aus der Krise hervorgehen. Wir wollen eine lebensbejahende Welt erschaffen, in der das Leben auf Erden gedeihen und sich entfalten kann.


Was braucht es also, um die Weichen in dieses Morgen zu legen? Was braucht es, um aus dem U-Punkt heraus einen neuen, nachhaltigen Weg einzuschlagen?


Um diese vielschichtige Frage zu beantworten habe ich knapp 20 Gespräche mit Menschen aus meinem Umfeld geführt, zahlreiche Artikel zum Thema gelesen und meine innere Weisheit befragt.


Meine Synthese präsentiere ich euch hier:

Wir müssen für die Veränderung offen sein

Das klingt vielleicht banal, ist es aber nicht! Denn so viele Menschen haben Angst vor Veränderung, Angst vor Kontrollverlust, Angst vor der Unsicherheit, die entsteht, wenn wir unbekanntes Terrain betreten. Das Alte ist nicht mehr und das Neue ist noch nicht. Dieser Zustand von Ambiguität muss ausgehalten werden. Loslassen mag schmerzhaft sein. Aber die Phase der Ungewissheit, des Chaos kann ein schöpferischer Prozess, ein Neuanfang werden, wenn wir es erlauben, zulassen, offen dafür sind. Wir dürfen nicht vor lauter Angst schnell wieder zurück in die sicheren Häfen rudern. Wir wollen doch an neuen Ufern landen! Für dieses Abenteuer braucht es eine gehörige Portion Mut. Und wir müssen es wollen! Denn wenn einmal auf offener See der Sturm hereinbricht, können wir uns an dieses Wollen zurückerinnern. Das wird uns helfen, trotz der Angst weiterzugehen.

Neue Visionen und Zielbilder finden

Wenn wir die Reise einmal angetreten sind, kann uns eine starke Vision Orientierung, Motivation und Hoffnung schenken. Wo wollen wir als Gesellschaft wirklich hin? In welcher Welt wollen wir leben? Was wir brauchen sind neue Zielbilder, die uns Mut machen und nach den Sternen greifen lassen. Bilder, in denen wir Sinn finden und die wir daher gerne anstreben. Inspirierende Visionen, die uns zeigen, wo der Weg hingehen kann und was wir alle davon haben werden. Das Leitbild einer nachhaltigen Entwicklung in Form der UN Agenda 2030 bietet bereits eine solche Vision. Wichtiger als am Papier wird es jedoch werden, dass sie von vielen Menschen getragen wird. Denn wenn viele Menschen in dieselbe Richtung ziehen, sind wahre Wunder möglich!

Raum für gesellschaftliche Reflexionsprozesse öffnen

Darum ist es wichtig, dass wir uns über unsere wahren Werte und Wünsche austauschen und verständigen. Was ist uns wirklich wichtig? Wie wollen wir wirklich leben? Die Zeit lädt uns ein, unsere Normen und Zielbilder gründlich zu überdenken. In der tiefen Auseinandersetzung mit unseren wahren Bedürfnissen erkennen wir vielleicht, dass es nicht das Geld ist, das uns zu wahrem Glück verhilft, sondern frische Luft, intakte Natur, gesundes Essen, nährende Beziehungen und sinnstiftende Arbeit. Womöglich erkennen wir auch, dass es nicht die Christiano Ronaldos oder Jennifer Annistons sind, die uns in jetzt durch die Krise helfen, sondern die SupermarktverkäuferInnen, das Pflegepersonal und weitere oft vernachlässigte Berufsgruppen. Solche Neubewertungsprozesse werden den Lauf der Dinge ändern und sollten daher aktiv gefördert werden.

Den Wandel auch im Inneren vollziehen

Wir werden keinen Wandel vollziehen, wenn es unser Geist nicht tut. Das alte Weltbild ist eine Geschichte der Trennung, in der jeder gegen jeden und der Mensch gegen die Natur kämpfen muss. Mit dieser Haltung kommen wir nicht weit. Eine nachhaltige Welt lebt von Menschen, die um ihre Verbundenheit wissen, die sich als Teil der Natur verstehen und die sich den lichtvollen Seiten ihrer selbst zugewendet haben. Corona ist in dieser Hinsicht ein großer Lehrmeister. Es lehrt uns, dass wir zusammenhalten müssen. Dass wir alle im selben Boot sitzen. Dass wir Teil der Natur sind. Dass durch Wissenschaft und Technik allein nicht alle Probleme lösbar sind. Lasst uns doch die Zeit für echte Erkenntnis- und Bewusstseinssprünge nutzen! Wer seinen Geist dehnt, und seiner Seele lauscht, bekommt eine neue, reifere Sicht auf die Welt. Nur aus dieser inneren Weisheit heraus kann jene Ethik erwachsen, auf der zukunftsfähige Systeme gründen können.

Change Agents vor den Vorhang!

Wir fangen nicht bei Null an! So vieles wurde schon durchdacht, besprochen, beschrieben, erfunden und entwickelt. So viele Lösungsansätze liegen bereit. So viele Alternativen werden schon aktiv gelebt. Das Neue zeigt sich in so vielen Dingen. Wir dürfen wirklich auf all das bauen, was bislang schon erarbeitet wurde! PionierInnen, VisionärInnen, QuerdenkerInnen, WissenschafterInnen, Intellektuelle, ZukunftsgestalterInnen dürfen und müssen jetzt ihre Bühne betreten!

JETZT ist die Zeit all derer gekommen, die sich schon seit Jahrzehnten den Kopf darüber zerbrechen, wie die Systeme von Morgen aussehen können. JETZT ist die Zeit, die Konzepte aus der Schublade zu holen und den öffentlichen Diskurs mit neuen Ansätzen und Lösungswegen zu befruchten! Denn wir brauchen Vorbilder, die uns zeigen, wie es gehen kann. Menschen, die an ihre Träume glauben und uns dazu ermutigen, es ihnen gleich zu tun. Und wir brauchen starke Allianzen, starke Netzwerke, eine starke gemeinsame Stimme jener Menschen, die das Neue auf die Erde bringen.

Die Corona-Krise muss ganzheitlich betrachtet werden

Das Virus ist u.a. auch ein Symptom für eine Entwicklung, in der vieles schon im Argen liegt. Wir wissen, dass es der würdelose Umgang mit Wildtieren und die Zerstörung ihrer Lebensräume ist, der das Virus hat entstehen lassen. Wir wissen, dass es die Feinstaubbelastung ist, die dem Virus bei der Ausbreitung unter die Arme greift. Wir wissen auch, dass tagtäglich Menschen an den Folgen von Hunger, Kriegen oder des Klimawandels sterben und die Natur schon lange ihre Belastungsgrenzen erreicht hat. Wir dürfen also nicht ernsthaft meinen, dass es nur das Virus unter Kontrolle zu bringen gelte. Das gesamte System bedarf unserer Aufmerksamkeit! Was es daher braucht ist eine ganzheitliche Betrachtung, Einsicht in die Verwobenheit der unterschiedlichen Krisenphänomene und eine entsprechend systemische und langfristige Lösungsstrategie. Die Probleme können nur gemeinsam gelöst werden! Gelingt es nicht, den Blick auf das gesamte System zu weiten, ist der nächste Weckruf schon vorprogrammiert.

Neue Rahmenbedingungen und Spielregeln für Wirtschaft und Gesellschaft

Anstatt also die Krisen gegeneinander auszuspielen, sollten die Maßnahmen zur Bekämpfung der Corona-Krise z.B. auch der Biodiversität und dem Klimaschutz in die Hände spielen. Das könnte gelingen, indem etwa die Investitionen zur Rettung der Wirtschaft an konkrete Nachhaltigkeitskriterien wie etwa glaubwürdige CO2-Reduktionspfade oder andere Gemeinwohlaspekte gebunden werden. Außerdem müssen neue Rahmenbedingungen für zukunftsfähige Wirtschafts-, Arbeits- und Lebensstile geschaffen werden. Wie das aussehen kann, wurde tausendfach diskutiert und beforscht: Von der ökologischen und sozialen Kreislaufwirtschaft, der Schaffung resilienter Versorgungsstrukturen, neuen Wohlfahrtsindikatoren, neuen Arbeitszeitmodellen, Investitionen in erneuerbare Energien und sanfte Mobilität ist so vieles dabei! Corona hat gezeigt, dass das geht, wenn man nur will.

Gutes beibehalten

Ein schneller Weg für positive Veränderung ist es, all das beizubehalten, das sich bereits jetzt als sinnvoll erweist. Tut uns denn die Entschleunigung nicht richtig gut? Ist es denn nicht angenehm, virtuell zu konferieren, anstatt jeden Tag in ein Flugzeug zu steigen? Hat uns der reduzierte Shoppingwahn denn nicht auf einer anderen Ebene reich beschenkt? Natürlich wollen wir den Quarantäne-Lifestyle nicht dauerhaft weiterleben. Aber vielleicht gibt etwas, das wir der Krise abgewinnen können, zum Beispiel die Momente der Stille oder wertvolle Zeit mit der Familie? Wir dürfen neben dem Desaster auch die Gewinne oder Verbesserungen im eigenen Leben sehen. Und diese gilt es gut zu verankern! Damit wir dabeibleiben und nicht zurückfallen in alte Routinen, die uns einfach nicht mehr dienlich sind.

Der Schatz den wir entdecken

Dann, wenn wir einmal am neuen Ufer gelandet sein werden, werden wir erkennen, wie stark und kraftvoll wir geworden sind! Wir haben Stürme durchgestanden und uns ins Unbekannte vorgewagt. Wir haben die inneren und äußeren Landkarten lesen gelernt. Wir haben an Lösungen getüftelt und sie sodann gefunden.

Das größte Geschenk jedoch, das wir dann erhalten werden, ist die Erkenntnis, dass wir selbst die Veränderung waren. Dass in uns selbst die Kraft lag, das alles zu meistern.


Es war die Liebe, die uns gerufen hat. Es war der Mut, der uns auf den Weg gebracht hat. Es war die Hoffnung, die uns angespornt hat. Und es war die Menschlichkeit, die uns letztlich das Ziel hat erreichen lassen.


Über die Autorin: https://www.lia-blog.at/ueber-lia


Liste von Personen (alphab.), deren Inspirationen in diesen Artikel eingeflossen sind:


Eingeflossene bzw. weiterführende Artikel und Videos:

  • Prof. Gabriel: Wir brauchen eine Metaphysische Pandemie, Uni Bonn

  • Klimapolitik nach Corona, Der Standard

  • Zukunftsbild Klimaschutznotverordnung, Der Standard

  • Gastkommentar von Hellmut Butterweck, Der Standard

  • Interview mit Prof. Stefan Schleicher, Moment

  • Interview mit Zukunftsforscher Harry Gatterer, Salzburg 24 Nach der Coronakrise Wirtschaft mit einem Klimaschutz-Investitionsprogramm ankurbeln, VCÖ

  • Video: Live Mitschnitt des Open Forums der Future Earth Knowledge-Action Network zum Thema How COVID-19 Can Help Wealthier Nations Prepare for a Sustainability Transition.

  • Video: Interview von Martin Kirchner, Vivian Dittmar und Christian Felber zu Corona als Chance?

  • Transforming our World: die UN Agenda 2030

  • Klimagerechtigkeit Sofortprogramm, Ende Gelände

  • Nature is sending us a message, The Guardian

  • Feinstaubpartikel als Viren-Vehikel, Telepolis

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© 2019 von Julia Buchebner; Bilder von Pixabay.com